Satelliten im Rampenlicht – eine kurze Reise durch den Manifesta-11-Himmel

Haben Sie es satt, in den geschlossenen Räumlichkeiten eines Museums zu verweilen, wenn draussen die Sonne scheint und zu einem Spaziergang einlädt? Die Satelliten-Tour ist der perfekte Kompromiss zwischen Kunstgenuss und Rundwanderung. Tauchen Sie im Float Center eine halbe Stunde lang unter, ob in einer Floating-Kapsel oder beim Betrachten von Jon Rafmans düsteren Videolandschaften. Oder nehmen Sie sich fünfzehn Minuten Zeit, um die elefantenartigen flirtenden Roboter von Marguerite Humeau zu beobachten, bevor Sie sich eine exklusive diamantenbesetzte Cartier-Uhr erstehen, während Sie rasch einen Blick auf die verrückte Kuckucksuhr werfen, die sich Jon Kessler ausgedacht hat. Sie haben die Wahl, aber lassen Sie sich davon überzeugen, dass diese Aktivitäten mindestens ebenso unterhaltsam sind wie eine Ruderpartie auf dem See.

Unser erster Halt ist die Installation der französischen Künstlerin Marguerit Humeau an der ETH. Wie ich bereits angetönt habe, besteht dieser Satellit aus zwei prähistorisch anmutenden mechanischen Geschöpfen, die sich nach einer rätselhaften Choreografie bewegen. Schreiend bewegen sie sich in einem verrauchten Raum abwechselnd aufeinander zu und voneinander weg. Hinter grossen Fensterflächen können Sie diesem asymmetrischen Ballett zuschauen, das einer Liebesgeschichte von zwei Lebewesen nachempfunden ist und sich in rund zehn Minuten von Anziehung zu Abstossung wandelt. Die Botschaft «caution chemical castration drugs» (Achtung: Arzneistoffe für chemische Kastration!) ist durchaus ernst zu nehmen, meine Damen und Herren, also gehen Sie bitte keine unnötigen Risiken ein. Dank dem Film, der im Pavillon of Reflections vorgeführt wird und sie in Stimmung gebracht hat, oder weil sie ohnehin an der ETH studieren, wagen sich ein paar Besucher hinein und schauen dem Treiben zu, ohne den Raum vorzeitig zu verlassen. Aber pro Tag schaffen es nie mehr als 15 Leute, sich die Performance der Roboter in diesem abgelegenen Raum anzuschauen. Woran liegt das? Ist die Entfernung zu den Hauptausstellungsorten zu gross? Oder liegt es daran, dass eine entsprechende Beschilderung fehlt, dass sich die Besucher nicht vor den Toren der ETH drängen? Schade, denn es lohnt sich durchaus, seine Besorgungen links liegen zu lassen und stattdessen ins 6er- oder 10er-Tram zu steigen und sich in Erinnerung zu rufen, wie Paarungsverhalten ohne Dating-Apps aussieht.

Der zweite Halt ist das Float Center an der Röschibachstrasse. Dieser Satellit ist zwar nur unweit vom Hauptausstellungsort der Manifesta 11 in der Löwenbräukunst entfernt, hätte aber auch mehr neugierige Besucher verdient. Laut Oscar Trott, Jon Rafmans Gastgeber und Float-Center-Inhaber, treten pro Woche ungefähr 30 Besucher durch die Tore des Spas. Es sind vor allem Fussgänger und Leute aus dem Quartier. Ausser den Journalisten kommen und gehen die meisten, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Übrigens stammen die meisten Besucher nicht aus Zürich, sondern sind Touristen. Vielleicht liegt dies daran, dass ein Sommer in Zürich einfach der Himmel auf Erden ist und die Zürcher nicht wissen, ob sie sich lieber auf Gummireifen die Limmat hinuntertreiben lassen, auf einem Technofestival abtanzen oder an einem Goldsprint-Rennen teilnehmen sollen. Vielleicht liegt es aber auch an den eingeschränkten Öffnungszeiten des Spas. Trott hat wohl mehr Besucher erwartet, aber er bedauert vor allem auch, dass sich diejenigen, die kommen, kaum mit dem Spa-Personal unterhalten. Wie dem auch sei, es ist noch nicht zu spät für einen Termin bei Rafman im Float Center. Worauf warten Sie also noch?

Unser dritter Halt ist das Hotel Rothaus an der Langstrasse, wo sich Fussballfans, Hipsters auf Fixies und Transvestiten auf zwölf Zentimeter hohen Plateauschuhen in vollkommener Eintracht begegnen. Das Projekt von Teresa Margolles besteht aus einer gefilmten Performance, in deren Rahmen drei mexikanische Transvestiten und Transsexuelle mit Sonia, einer transsexuellen Schweizer Sexarbeiterin und Hauptgastgeberin der Künstlerin, Poker spielen. Die Performance dient als Vorwand für eine Erkundung der unterschiedlichen Arbeitsbedingungen von Prostituierten in der Schweiz und in Mexiko. Eine der mexikanischen Sexarbeiterinnen wurde in der Zwischenzeit unter dramatischen Umständen ermordet. Margolles hat diese Tragödie in ihre Arbeit aufgenommen und Zimmer 104 des Hotels Rothaus mit einem gigantischen Porträt der Verstorbenen geschmückt. Je nach Wetter und Wochentag, wie mir an der Reception gesagt wird, können die Besucher an diesem dritten Satelliten an den Fingern beider Hände abgezählt werden. Doch bei einem Kaffee nach dem kurzen Rundgang tauschen sich die Besucher rege mit dem Hotelpersonal aus und stellen Fragen zu Margolles’ Kunstwerk oder zur Geschichte des Hotels. Dank diesem gemeinsamen Interesse entsteht ein für beide Seite bereicherndes Erlebnis – dieser letzte Satz stammt übrigens nicht von mir ...

Vierter und letzter Halt ist das Klärwerk Werdhölzli, wo Mike Bouchet aus 80 Tonnen menschlichen Ausscheidungen je 350 Kilogramm schwere Kuben geformt hat. Philipp Sigg, Verfahrensingenieur im Klärwerk Werdhölzli und Bouchets Gastgeber, bietet Führungen an, bei denen er den Besuchern die Vorgänge bei der Abwasserreinigung erklärt. Entweder weil sie in der Nähe der Löwenbräukunst wohnen, weil es ihnen empfohlen wurde oder weil sie von Bouchets Skulptur The Zürich Load im Migros-Museum besonders angetan waren, hat es immer ein paar Teilnehmer an diesem ganz speziellen 90-minütigen Rundgang durch die Kläranlage. Unter der Führung von Kapitän Sigg sehen die Besucher dieses Satelliten einige unklassische Installationen und begegnen den Angestellten, die an Bouchets Joint Venture mitgearbeitet haben – mit anderen Worten, sie erhalten einen Einblick hinter die Kulissen von The Zürich Load. Die Besucher staunen vor allem über die enorme Menge an Abwasser, das täglich gereinigt werden muss, und so stellen sie jeweils viele Fragen und gehen mit positiven Eindrücken nach Hause. Übrigens: Ergreifen Sie Ihre Chance jetzt, denn die letzten beiden Führungen sind für den 23. August und den 9. September vorgesehen.

ETH, Sonneggstrasse 3, 8006 Zürich
Treffpunkt: Sonneggstrasse 3, Zürich
Zeit: Mo–Fr 15.00–17.00
Aus Sicherheitsgründen darf das Gebäude NICHT unbeaufsichtigt betreten werden. Warten Sie bitte auf die Person, welche die Führung durchführt. Einlass alle 30 Minuten, Max., Teilnehmerzahl: 20. Nicht rollstuhlgängig

float Center Zürich, Röschibachstrasse 71, 8037 Zürich
Öffnungszeiten: Mo 13.00–17.00, Do/Sa 10.00–12.00, So 11.00–17.00

Klärwerk Werdhölzli, Bändlistrasse 108, 8064 Zürich
Führungen an folgenden Daten: 17. Juni, 1. Juli, 15. Juli, 29. Juli, 12. August, 26. August und 9. September 2016 um 13.00

Hotel Rothaus, Sihlhallenstrasse 1, 8004 Zürich
Öffnungszeiten: Mo–So 12.00–20.00

Aurélie Pittori, Kunstvermittlerin, Manifesta 11

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