Rückblende: Abschied von der Manifesta 11

Ein abschliessender Blog-Eintrag könnte Anlass bieten, um eine ganze Doktorarbeit aus Tausenden von Anekdoten zu überraschenden, enttäuschenden, zu Tränen rührenden, aufregenden und flauen Erlebnissen zu verfassen. Hier sind aber nur einige der Highlights unserer Kunstvermittler, die mehr als 500 Gruppen durch die Ausstellungsräume und Satelliten der Manifesta 11 geführt haben.

Anlässlich einer offenen Führung kam beispielsweise eine Frau auf Sandra, unsere talentierte Comiczeichnerin und Kunstvermittlerin, zu und sagte: «Das Kunstwerk zu verstehen ist das eine, aber die Verbindung zwischen Künstler und Gastgeber auszumachen ist etwas ganz anderes ...» Äh, ja, stimmt! Der Nachhall einer Verbindung zwischen den Künstlern und ihren Gastgebern aus verschiedenen Berufsfeldern, ja, selbst ein Echo ihrer eigentlichen Zusammenarbeit war nicht immer sogleich vernehmbar. In meiner Erfahrung war das ein grosses Hindernis für das Publikum und für uns Kunstvermittler, und so gaben wir unser Bestes, um die künstlerisch-berufliche Zusammenarbeit so deutlich wie möglich hervorzuheben. Darum konzentrierte ich mich immer auf diesen Aspekt der Werke, die ich vorstellte – egal, ob die kollaborative Dimension klar sichtbar oder etwas versteckter war. Es war die einzige Möglichkeit, die Problematik anzusprechen, die bei der künstlerischen Arbeit unter den Auflagen eines ganz spezifischen Konzepts entsteht. Welche Auswirkungen kann dieses einzigartige Konzept auf den ganzen kreativen Prozess und letztlich auch auf das Ergebnis haben? Was sagt das Kunstwerk über den Künstler aus, was sagt es über den Gastgeber aus, und vor allem: Was sagt es über ihre Zusammenarbeit aus?

Auch unsere Yoga-Anhängerin und Kunstvermittlerin Karen erinnert sich an eine Anekdote aus einer ihrer Führungen: die improvisierte Intervention von Christian Jankowski, der von seinem Gespräch mit dem Künstler Udo Lindenberg erzählte. Diese unerwartete Anekdote trug wesentlich dazu bei, dass ihr Publikum einen stärkeren Bezug zum Gesamtkonzept der Manifesta 11 bekam. Und wenn nicht, dann hat sie doch zumindest die Gruppendynamik eine Zeit lang aufgelockert und dem Kurator die Gelegenheit gegeben, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Philipp, unser dynamischer Journalist und Kunstvermittler, möchte uns an die vielen verschiedenen Lesarten erinnern, die es bei jedem einzelnen Kunstwerk gibt. Von allen Interpretationen, die man sich vorstellen kann, gebe es eigentlich nur eine Art, der es im Rahmen einer Führung nachzugehen lohne: diejenige, auf die wir selbst niemals gekommen wären – denn dadurch eröffnet sich uns allen eine völlig neue Sichtweise. Wenn es um zeitgenössische Kunst geht, gibt es keine Fakten, sondern nur unterschiedliche Interpretationsansätze und dann und wann eine Offenbarung aus heiterem Himmel.

Wie dem auch sei, es fehlt die Zeit für ernsthaftere Reflexionen – das war ja mehr die Stossrichtung auf dem Pavillon of REFLECTIONS (ja, auch nach dreieinhalb Monaten an der Manifesta habe ich meinen Sinn für Humor nicht verloren). Als letzter Zeuge der Biennale für zeitgenössische Kunst wird das hölzerne Schloss im Rahmen des Zurich Film Festival für Filmvorführungen wie «La La Land» genutzt, ein Musical mit Ryan Gosling (Mannomann, der kann ja sogar singen). Inzwischen verblassen die anderen Teile der Ausstellung langsam zu geisterhaften Erinnerungen. Aber was sehe ich da? Ein E-Mail von Rayelle – unsere geliebte Erzählerin und Kunstvermittlerin will mir noch ein letztes Gedicht ins Ohr flüstern. Und ich will euch ihr Gedicht als Abschiedsmelodie mit auf den Weg geben:
 

Ganz plötzlich wirft die äusserst elegant gekleidete Frau mit feuerrot gefärbtem Haar
ihre von einem orangen Stoff bedeckten Arme
in die Luft – sie hebt ihren Blick zur Decke und schreit beinahe:
Warum bloss hat der Künstler mit all diesem Raum nichts gemacht? Warum?
Da müssten doch Millionen von Schmetterlingen über unseren Köpfen fliegen.

Schmetterlinge als Symbol für die Ewigkeit, Schmetterlinge, die um die Tausenden von Blumen im «Eternal Garden» flattern wie Tänzer. Auch wenn die Manifesta 11 nicht für die Ewigkeit bestimmt ist, erhascht man hier und da doch noch einen Blick auf eine Aktzeichnung auf einer Mauer, das Echo eines lachenden Pavarotti, einen Hauch Ammoniak in der architektonischen Struktur, die Erinnerung an dankbare Besucher, die ihren Kunstvermittlern lautstark Applaus spenden – wie Schmetterlinge werden sich diese Sinneseindrücke für immer in unserem Gedächtnis einnisten. Und jetzt dürft ihr in Tränen ausbrechen. Tschüs.

 

 

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