Mit Kunstvermittlungskarten ganz neuartige Ausstellungserfahrungen machen

Kunstvermittlungskarten sind am Ticketschalter des Hauptschauplatzes der Manifesta 11 (Migros-Museum) auf Deutsch, Französisch und Englisch erhältlich. Stecken Sie sie in Ihre Tasche, wenn Sie beim Besuch einer Kunstausstellung einmal etwas anderes ausprobieren möchten. Mit Fragen wie «Beeinflusst dein Job die Art und Weise, wie du Dinge betrachtest?» oder «Ruft das Kunstwerk irgendwelche persönlichen Erinnerungen hervor?», Ratschlägen dazu, wie man Körper und Geist am Ausstellungsort wach halten kann, und Aufforderungen zum Vergleich der Kunstwerke in der historischen Ausstellung wird über die Kunstvermittlungskarten ein neuartiger Dialog mit den Ausstellungsstücken eingeleitet und der eigene Zugang der Besucherinnen und Besucher zu Kunst im Allgemeinen hinterfragt. Ob Sie in die besorgniserregende Welt von Jon Rafman eintauchen oder wie Jorinde Voigt über Stress und Freiheit sinnieren – die Karten wurden entwickelt, um Ihre eigenen Reflexionen weiterzubringen.

Ich hatte die Idee, von den Besuchern im Migros-Museum und in der Kunsthalle ein paar frische, spontane Rückmeldungen zur Verwendung dieser Kunstvermittlungshilfe einzuholen, um zu sehen, wie zufrieden sie damit sind. Als ich einen Mann und seine Tochter darauf ansprach, begann das Mädchen sofort, seinen Traumberuf auf die Karte zu zeichnen, die ich ihm gegeben hatte (strahlend präzisierte die Kleine, dass es sich dabei eigentlich um ihren Nicht-Traumberuf handle), während der Vater mir seine verschiedenen Eindrücke mitteilte – mit grosser Offenheit, wie ich zugeben muss. Die Fragen seien gut, aber nicht gut formuliert und richten sich nur an imaginäre Besucher. Seine weiteren Kritikpunkte gingen dahin, dass die Karten für einen Rundgang durch die Ausstellung oder für die Betrachtung eines einzelnen Werks ziemlich unpraktisch seien. Wie kann man sie richtig in den Museumsbesuch integrieren, wenn man mit Freunden diskutieren oder ein Tête-à-Tête mit einem bestimmten Kunstwerk anbandeln will? Interessante Frage! Wie sich herausstellte, hatte ich bei meiner zufälligen Auswahl eines Besuchers voll ins Fettnäpfchen getroffen, denn der gute Herr kannte sich als Dozent eines Master-Studiengangs in zeitgenössischer Kunstvermittlung (MAC) in Paris mit dem Thema sehr gut aus – also war scharfe Kritik beinahe zu erwarten. Nachdem wir zehn Minuten lang über die inhaltliche Thematik der Karten gesprochen hatten, sagte er, dass er es auch bedaure, dass sich keine der Karten mit einem ganz bestimmten Kunstwerk befassen. Warum konzentriert man sich nicht auf die Aufnahme eines spezifischen Joint Ventures oder diskutiert ein Thema, das stellvertretend für das Konzept der Manifesta 11 steht?

Am gleichen Ort, aber unter Zuhilfenahme einer anderen Strategie bat ich die Teilnehmer an einer der offenen Führungen, die ich immer donnerstags auf Englisch abhalte, mir gegenüber ihre Meinungen über das Kartenangebot zu äussern. Da diese offenen Führungen sich nicht an Kunstprofis richten, sondern an normale Besucher, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren, dürfte das Kunstvermittlungspaket hier auf mehr Begeisterung stossen. Und tatsächlich: Sie waren nicht nur sehr glücklich über das Diskussionsformat der ganzen Führung, sondern es verlockte sie auch, die Fragen mit nach Hause zu nehmen und damit die Gesprächskultur in den eigenen vier Wänden zu beleben. Die Karten scheinen sich sehr gut für solche intimen Gespräche und weniger für den Ausstellungsort selbst zu eignen – ganz egal, ob man nun von einem Kunstwerk überzeugt ist oder nicht. Das menschliche Hirn braucht eine Pause, um zu verarbeiten, was die Augen erfasst haben. Dennoch gibt es bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme. Und wenn nun Sie diese Ausnahme sein möchten? Na los, nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit und schlüpfen Sie im schwarzescafé in die Haut eines der Hosts der Manifesta 11. Lohnen wird sich das ganz bestimmt!

Aurélie Pittori

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