Ein Kunstwerk pro Woche – eine Anleitung

Hallo, meine Schätzchen!

Ich bin’s, Tamara, die Ex-Mode-Bloggerin und neue Kunstreporterin! Ihr kennt ja nun das Konzept hinter «Ein Kunstwerk pro Woche» bereits, also will ich euch nicht länger auf die Folter spannen, sondern komme gleich auf den Punkt. Lasst euch einfach gesagt sein, dass es fröhlichere Themen gibt, mit denen man in die Woche starten kann. Aber egal, manchmal müssen wir uns dem wahren Leben mit all seinen Freuden und Leiden stellen, nicht wahr?

Über welches Kunstwerk sprechen wir?
El Poker de Damas von Teresa Margolles, einer 53-jährigen mexikanischen Künstlerin, die mit Sonja zusammengearbeitet hat, einer transsexuellen Prostituierten aus Zürich.

Wo steht das Kunstwerk und wie sieht es aus?
In der Kunsthalle, im dritten Stock. Neben Jennifer Tees Beerdigungsmasken, dem mit Google DeepDream gemachten Video von James Roberts und Andrea Eva Györis Ode an die weibliche Selbstbefriedigung hat es da zwei Sitzbänke, eine Filmprojektion, einen Einschnitt in einer der Wände und ein Porträt. Es gibt noch ein paar weitere Elemente in Margolles’ Arbeit, doch anhand dieser Liste könnt ihr euch ein Bild von der Situation machen. Wenn man sich auf eine der Bänke setzt, sieht man eine Videoperformance mit Sonja und drei transsexuellen Prostituierten aus Mexiko, die zusammen Poker spielen. Die Pokerrunde ist ein Vorwand für einen Austausch über die unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den beiden Städten Zürich und Ciudad Juárez, in denen die Performance stattfindet. Die Besucher können sich am Spiel und am Gespräch beteiligen. Artikel aus mexikanischen Zeitungen, hauptsächlich Berichte über kriminelle Vorfälle, begleiten das Video. Setzt man sich auf die andere Bank, sieht man gleichzeitig ein fotografisches Porträt von Jessica, einer der mexikanischen Gastgeberinnen der Künstlerin, ihren Totenschein und eine auf Video festgehaltene Aussage von einer ihrer Freundinnen. Ja, Jessica wurde aus keinem anderen Grund als der Tatsache, dass sie eine transsexuelle Prostituierte war, unter schrecklichen Umständen in Ciudad Juárez ermordet – wie zahlreiche andere Sexarbeiterinnen und, leider, wie jährlich Tausende von Frauen. Der dritte Stock in der Kunsthalle wird so zur Hommage für ihre Entführung und dadurch für alle Opfer dieser nie aufgelösten Verbrechen.

Welchen Eindruck habe ich erhalten?
Na ja, der Themenkreis Prostitution, Transsexualität und Mord ist alles andere als leicht verdaulich, aber gut, packen wir’s an. Ich muss zugeben, dass es mir vor ein paar Minuten noch ganz gut ging, als ich zuhörte, wie die Kunstvermittlerin über den tschechischen Künstler Matyas Chochola sprach, der sich mit seinem Gastgeber in glänzenden schwarzen Shorts einen Boxkampf lieferte. Es folgte dann eine Diskussion über Selbstbefriedigung, sodass ich mich schon langsam fragen musste, was auf dieser Führung wohl als Nächstes kommen würde ...

Offen gesagt, die Idee, den eigenen Körper als Verdienstquelle zu betrachten und so herzurichten, dass man das eigene Geschlecht und Aussehen an die Vorlieben des anderen anpasst, hat mich nie als etwas Glamouröses fasziniert. Ach kommt, ihr müsst jetzt nicht so schockiert tun, ihr habt euch sicher auch noch nie ernsthaft damit auseinandergesetzt. Doch das war, bevor ich Gigi entdeckt habe, eine transsexuelle YouTuberin, die eine meiner Mentorinnen in Sachen Mode und Make-up ist (https://www.youtube.com/watch?v=srOsrIC9Gj8). Ist sie nicht wunderschön? Wie auch immer, haltet mich nicht für naiv, ich weiss natürlich, dass Gigi kaum das Risiko eingeht, einem Mord zum Opfer zu fallen, wenn sie mit ihrer Chanel-Handtasche an der Fifth Avenue flaniert. Kein Vergleich! Zusätzlich zu der Hommage für Jessica und der ganzen Diskussion über die Lebensbedingungen von Transsexuellen in Mexiko verleiht auch die Intervention von Sonja selbst im Ausstellungsraum der Arbeit eine noch tiefere Dimension. Ein Einschnitt in der weissen Wand der Kunsthalle, wie ein Ausdruck von Wut, wie eine klaffende Wunde oder die Andeutung einer Vagina, ein zwischen zwei Geschlechtern stehendes Attribut – diese Interpretation hat die Kunstvermittlerin vorgeschlagen. Äh, ja, okay, das könnte einen Sinn ergeben. Ich kann nicht genau erklären, was ich darin sehe, aber die Wirkung der Arbeit und all ihrer Elemente wird dadurch sicherlich verstärkt. Ich habe diesen Sommer viele diese Joint-Venture-Projekte gesehen, aber der Einsatz von Teresa Margolles für diese Community, mit der ich bis auf Gigi, die YouTuberin, überhaupt nichts zu tun hatte, ist für mich absolut bemerkenswert. Durch die Betrachtung dieses frappant politischen Kunstwerks bekomme ich eine Ahnung davon, was es wirklich bedeutet, sich mit jemand anderem für ein Projekt zusammenzuschliessen – und alles hineinzustecken.

Bevor ihr wieder geht, möchte ich euch nahelegen, das gigantische Porträt von Jessica im Hotel Rothaus an der Sihlhallenstrasse 1 anschauen zu gehen. Wenn ihr zu faul seid oder gerade ein Bein gebrochen habt, solltet ihr euch zumindest die Website nicht entgehen lassen: http://hotelrothaus.ch/.

Auf Wiedersehen, meine Bienchen, ich wünsche euch noch einen wunderschönen Tag!

Aurèlie Pittori

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