Ein Kunstwerk pro Woche – eine Anleitung

Houellebecq, Helmhaus © Manifesta11, Eduard Meltzer

Hallo, meine Lieben!

Ganz ungeschminkt und nackt will ich euch mein allerneustes Konzept vorstellen – ich bin ja sooo aufgeregt: eine Kunstanleitung zur Manifesta 11. Kurz gesagt: Jede Woche werde ich in diesem Blog einen kurzen Überblick (5–10 Minuten) über ein Kunstwerk im Rahmen der Biennale bieten. Fünf Fragen, fünf Antworten. Ich hoffe, es wird euch gefallen, meine Süssen!

Welches Kunstwerk?

Heute Is Michel Houellebecq okay? Helmhaus, erster Stock. Eine Arbeit von Michel Houellebecq, die als Joint Venture mit Dr. Henry Perschak von der Klinik Hirslanden entstanden ist.

Wer ist der Künstler?

Michel Houellebecq ist ein berühmter, aber umstrittener SCHRIFTSTELLER, der sich nun langsam auch als Künstler einen Namen macht. Es sieht so aus, als könnte heute jeder Künstler werden, nicht wahr? Dieses Jahr hat er mit Rester vivant eine eigene Ausstellung im Palais de Tokyo. Zudem ist er Liedermacher, Gelegenheitsschauspieler, Filmregisseur und hat für eine Fernsehsendung sogar schon einmal bei einem Kickbox-Training mitgemacht – also definitiv ein vielseitig begabter Mann.

Vor allem gab es da dieses Buch, «Karte und Gebiet», für das er 2010 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, einem sehr wichtigen Literaturpreis. Darin wird die Geschichte des Künstlers Jed Martin erzählt, der für die Zusammenarbeit an einem Projekt den Autor Michel Houellebecq kennenlernt. Als würde Houellebecq auf seinen künstlerischen Doppelgänger treffen und umgekehrt.

Wo steht das Kunstwerk und wie sieht es aus?

Im Helmhaus, im ersten Stock. Man tritt im Prinzip in einen sehr hell erleuchteten, ganz in Weiss gehaltenen Raum, in dem man sich am Anfang nicht sehr wohl fühlt. Alles in allem kommt man sich vor, als sei man in einem Spital oder so. Dies weist auf eine Adaption der ursprünglichen Absicht der Arbeit hin, der Erkundung einer Schweizer Klinik und unseres Gesundheitssystems – das ergibt also durchaus einen Sinn. Aber ich muss sagen, dass es auch der perfekte Ort für ein Selfie ist – genau, Zeit für Instagram! Wenn man also in den Raum kommt, sieht man ein paar merkwürdige Röntgenaufnahmen von Houellebecqs Gesicht, Hirn und Händen. Ehrlich gesagt, er hätte einen besseren Winkel, einen besseren Filter oder sonst etwas wählen sollen, denn das Ganze sieht nicht gerade ästhetisch aus.

Welchen Eindruck habe ich erhalten? Ich dachte, dass er diese Aufnahmen zum Glück nicht als Profilbilder auf Facebook genommen hat, und «vielleicht zwingt uns dies dazu, die Porträts in einem für uns heute unerwarteten Kontext zu betrachten – wissenschaftliche Porträts müssen nämlich nicht ästhetisch sein». Das hat die Kunstvermittlerin gesagt, wisst ihr: «Sie dekonstruieren unsere gewöhnliche Betrachtungsweise des mit Photoshop veränderten Gesichts und Körpers.» Na ja. Tatsächlich war Houellebecq vor allem fasziniert vom Gesundheitssystem und ganz besonders von den Schweizer Kliniken und ihren hochwertigen Technologien und dem Versorgungsstandard, an den das französische Gesundheitswesen beispielsweise schlicht nicht herankommt.

Jetzt wird es ein bisschen intellektuell, sodass ich meine Notizen benötige, aber sie enthalten durchaus Wissenswertes: Ich habe irgendwo gelesen, dass der deskriptive, soziologische Ansatz, aber auch die wissenschaftliche Dimension der Analysen (soziobiologisch oder anthropologisch ausgedrückt: die Dialektik zwischen dem Menschen und dem Tier in ihm) ein wichtiger Bestandteil von Houellebecqs schriftstellerischen Arbeiten ist. Er beschäftigt sich auch stark mit der Problematik von Arbeit und Wirtschaft, die in unserer Gesellschaft ständig zu Entfremdung führt. Und nicht zuletzt interessiert er sich sehr für die medizinische Ästhetik und die Idee, die künstlerische und diagnostische Perspektive zusammenzuführen.

Habt ihr’s kapiert? Is Michel Houellebecq okay – geht es ihm gut? Also gesundheitlich – ha, ich finde das lustig! Und es ist ja auch seltsam, denn der Schriftsteller raucht und trinkt, sieht also nicht sehr gesund aus, und wenn man mich fragt, könnte er auch ein Gesichtspeeling vertragen.

Das Paradoxe an diesem Check-up ist, dass wir eigentlich wissen müssten, dass Houellebecq nicht gerade ein Paradebeispiel für ein gesundes Leben abgibt. Ein derart gepeinigter Schriftsteller zieht es vor, seinen Geist statt seinen Körper anzuregen.

Auf seiner Website werden die grundlegenden Zutaten seines Lebenswandels wie folgt aufgeführt:

«Le rhum-gingembre, les cigarettes, Monoprix, Jimi Hendrix, Neil Young, Franz Schubert, Françoise Hardy, Léonard Cohen, Brian Wilson & les Beach Boys, David Crosby.»

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von euch guten Leuten, und weil gerade die Sonne wieder zum Vorschein kommt, nutze ich die Gelegenheit, um euch noch ein Lied von Houellebecq, Plein été, vorzustellen – folgt einfach dem unten stehenden Link:

https://www.youtube.com/watch?v=Qy7nLTjEbKc

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