Das Summer-School-Programm der Manifesta: Wie man die Debatte mit zeitgenössischer Kunst anregt

Aurélie Pittori: Könntest du das Konzept der Manifesta Summer School kurz vorstellen und erklären, wie es dazu kam?
Heiko Schmid: Die international ausgerichtete Summer School 2016 zum Thema „Negotiating Space. Art and Dissent“ wurde als Zusammenarbeit zwischen der Manifesta 11 und dem Institute for Contemporary Art Research (IFCAR) an der ZHdK in die Wege geleitet. Die Summer School in Zürich erkundete Herausforderungen bei der Produktion von zeitgenössischer Kunst anhand eines wissenschaftlich abgestützten, aber praxisorientierten Ansatzes mit Schwerpunkt auf Kunst im öffentlichen Raum. Aufgebaut war das Ganze als investigative Think-Tank-Situation, in der sich Teilnehmer aus aller Welt überlegten, wie zeitgenössische Kunst eine kritische öffentliche Debatte begünstigen, fördern oder gar auslösen kann. Da die Manifesta bereits eine Summer School in St. Petersburg durchgeführt hatte, an der auch Studierende der ZHdK und Christoph Schenker (der Leiter des IFCAR) teilgenommen hatten, war es von Anfang an das Ziel des Organisationskomitees der M11, auch in Zürich eine Summer School einzurichten.

Aurélie Pittori: Kannst du in ein paar Worten den Grund dafür nennen, warum sich die Manifesta-Biennale als perfekte Bühne für ein solches Programm erwiesen hat?
Heiko Schmid: Die Manifesta-Biennale war mit ihrem kritischen Bestreben und den als Interventionen in der Stadt gestalteten Satelliten-Kunstprojekten der perfekte Ausgangspunkt für eine Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum.

Aurélie Pittori: Wer waren die Teilnehmer an dieser Veranstaltung?
Heiko Schmid: Wir durften eine fantastische Gruppe von Studierenden aus aller Welt begrüssen. Eigentlich waren es zwei Gruppen: eine Gruppe mit Studierenden von Kunsthochschulen, die mit der ZHdK zusammenarbeiten (aus Hongkong, Hangzhou, Mexiko-Stadt, Johannesburg, Alexandria, Palermo, St. Petersburg und Delhi), die andere Gruppe wurde nach einer öffentlichen Ausschreibung zusammengestellt und bestand aus Teilnehmern aus Amsterdam, Krakau und Zürich. Die Gruppe war also insgesamt sehr vielfältig, was die ganze Summer School zu etwas Aussergewöhnlichem machte.

Aurélie Pittori: Dieses Jahr drehte sich die Debatte um den öffentlichen Raum und seine Verbindungen zu zeitgenössischer Kunst – warum gerade dieses Thema?
Heiko Schmid: Für die Gestaltung der Summer School war als Partnerorganisation der Manifesta das IFCAR verantwortlich, das sich auf Kunst im öffentlichen Raum spezialisiert hat. Da auch das Konzept der Manifesta 11 mit dem öffentlichen Raum zusammenhängt und sich die Manifesta ganz allgemein für sozialkritische Kunst interessiert, stellte das Thema ein gemeinsames Interesse dar.

Aurélie Pittori: Einer der Hauptpunkte der Diskussion bestand darin, wie zeitgenössische Kunst eine kritische öffentliche Debatte begünstigen, fördern oder gar auslösen kann – und wie man diesen Einfluss noch weiter steigern kann. Was wäre dein eigener Vorschlag dazu?
Heiko Schmid: Die Frage der politischen Dimension in der Kunstproduktion ist ein kaum zu begrenzender Diskurs, der sich in den letzten Jahren noch intensiviert hat. Mein Vorschlag in diesem Zusammenhang wäre, dass sich die Kunstwelt nicht nur auf kritische Kunstwerke fokussieren, sondern auch ihre eigenen Arbeitsbedingungen kritisch hinterfragen sollte. Andernfalls würde die Kunstwelt meiner Meinung nach ihre Fähigkeit verlieren, soziokulturelle Grenzbereiche aufzuweichen, und sie würde zu einem Tummelfeld für reiche Sponsoren und Mäzene verkommen.

Aurélie Pittori: Die Gesamtstruktur des Programms setzt sich aus verschiedenen Arbeits- und Gesprächsformen zusammen, wie beispielsweise öffentliche Vorlesungen, Foren, Einzelarbeiten, Präsentationen und Seminare. Welche Gäste wolltet ihr damit ansprechen?
Heiko Schmid: Die öffentlichen Vorlesungen richteten sich an eine breitere Öffentlichkeit, indem darin die Einstellungen der Künstler vorgestellt wurden, die für die Seminare im Rahmen der Summer School eingeladen wurden. Die Seminare waren als offene Workshops für Interaktionen zwischen den international bekannten Künstlern und den Teilnehmern gedacht. Das Forum-Format wurde aufgenommen, damit die Teilnehmer zusammen mit Fachleuten aus Bereichen wie dem politischem Aktivismus, der Philosophie, der Soziologie oder auch den Computerwissenschaften über relevante Themenfelder diskutieren konnten. Die verschiedenen Formate zielten also auf ein breites Publikum ab, damit sich die Teilnehmer auf unterschiedliche Weise mit dem Thema befassen konnten.

Aurélie Pittori: An diesen Vorlesungen, Seminaren oder Präsentationen waren verschiedene Referenten zu Gast, unter anderem die Künstlerin Georgia Sagri, von der an der Manifesta 11 auch ein neues Werk zu sehen war. Warum habt ihr gerade an sie gedacht?
Heiko Schmid: Georgia Sagri setzt sich als Künstlerin seit Jahren mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander. Sie ist ein kritischer Geist und hat auch das Konzept der Manifesta 11 und dessen Problematik intensiv analysiert. Wir wollten ihr die Möglichkeit geben, vertiefende Diskussion mit unseren Besuchern und Teilnehmern zu starten.

Aurélie Pittori: Nach zwei intensiven Wochen in der Summer School kannst du dich bestimmt noch an ein paar spezifische Begegnungen oder Gespräche erinnern – könntest du uns ein paar deiner Lieblingsanekdoten verraten?
Heiko Schmid: Die Summer School war voller Highlights. Die Gruppe war unglaublich energiegeladen und stellte ihre Umgebung permanent in wenigen Augenblicken auf den Kopf. Das ZHdK-Gebäude wurde oft zu einer Art Bühne für diese dynamische Gruppe. Ich persönlich werde mich immer daran erinnern, wie mir einer unserer indischen Teilnehmer erzählt hat, dass man einem wütenden Elefanten nicht auf geradem Weg davonrennen könne, weil Elefanten ziemlich schnelle Läufer sind. Wie er meinte, müsse man einen Zickzack-Kurs einschlagen, damit der Elefant die Kurve verpasst (er ist nämlich zu schwerfällig und kann einen so nicht einholen). Ich fasse diesen Beitrag auch als hervorragende Stellungnahme zu unserem Umgang mit Machtstrukturen auf.

Kategorien: